Zilpzalp im Weidenlaub I – Ein Lebensroman

Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Preis: 15,50 €
Format: 14,8 x 21 cm
Umfang: 256 Seiten
Softcover
Autor: Kansbar Wyderle
ISBN: 978-3-939912-13-2
vive!verlag 2010
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Ein unglaublicher Lebensroman von Kansbar Wyderle. 70 Jahre eines bewegten Lebens. Teils poetisch, philosophisch, berichtend, analysierend und äußerst informativ geschrieben. Sei es die deutsche Geschichte, menschliche Beziehnungen oder Einblicke in die unterschiedlichen Phasen eines Menschen: Kriegserfahrungen in der Kindheit, Wirtschaftswunder, die 68er; so umfangreich, dass wir es in drei Teile fassen mussten um kein Detail auslassen zu müssen. Unbedingt lesenswert!
"Der Roman baut eine fiktive Vita, länger als ein halbes Jahrhundert, mit den Familienrändern über ein ganzes Jahrhundert von vor 1900 bis nach 2000. Eine Zeitgeschichte also als Untergrund und prägende Macht: Weltkriege, Weimar, Hitlerreich, Flucht, Bombennächte, Besatzungszeit, Hunger, sich wandelnde Gesellschaft der Bundesrepublik."
"Mit der Absicht einer mehrfach gespiegelten Deutung spaltet sich der Protagonist auf, kann sich selbst in verschiedenen Reifestufen begegnen, kann als Quartett eine Diskussion mit sich selbst führen. Er kann in die Vergangenheit auswandern, in die Zukunft sich versetzen.
Er führt im Zentrum einen Dialog der Liebe." [Kansbar Wyderle]
Über den Künstler
Kansbar Wyderle
Der Schriftsteller Kansbar Wyderle ist vermutlich Senior in dieser Künstlerriege, aber weder im vive!verlag noch bei Suhrkamp oder Rowohlt gab es eine belletristische Veröffentlichung von ihm.weiter lesen »
Leseprobe
Jaspers Grafik hatte ein Farbfoto sein sollen, von Klara vor Jahren aufgenommen im herbstbunten Garten und auf das Acrylglas vor dem Poster mit der Aufrisszeichnung der sanierten Docks von London geklebt, neben die Fotos der drei Kinder. An der Wand ihres Arbeitszimmers. Vor Laubtupfern schaut Jasper im Halbprofil durch die Brille nach links. Das Gesicht wirkt frisch und gebräunt, tatkräftig. Der weißgraue Anorak löst die Gestalt weich aus dem Hintergrund. Der kräftige blonde Haarkranz hinter der freien Stirn reicht bis zum Kragen. Neben der Schläfe zum Ohr hin ein weißer Fleck. Dieses Foto hatte Jasper gescannt und gespeichert. Doch das Hochladen auf die Homepage gelang nicht, die Internetverbindung brach mehrmals zusammen. Jasper suchte nach einer Vorlage mit weniger Bedarf an Speicherplatz. Aus dem Karton *Abitur 54* zog er einen Tages-Kalender, blätterte und fand ein schwungvoll gezeichnetes nacktes Mädchen in Frontalansicht, leicht ordinärer Tanzschritt seitwärts, markantes Profil mit einem verächtlichen Zug um den Mundwinkel, Pferdeschwanz, eine Schnur um die Hüften hält Bastfransen vor der Scham – durchaus schmissig und mit einigem Witz. Sein Religionslehrer hatte ihn gefragt, ob er nicht Kunst studieren wolle. Er wollte auf gar keinen Fall. Er wusste, dass er Karikaturen und Phantasiegestalten kritzeln und kleine niedliche Bildchen tuschen konnte, aber immer ein Stümper bleiben würde.
Eine Kopie dieser Zeichnung lud er erfolgreich hoch, sie erschien aber lediglich im Verzeichnis der Homepage, nicht auf dieser selbst. Der Befehl, „Ansehen“ wurde als unmöglich rückgemeldet aus Gründen, die er lesen, doch nicht verstehen konnte. Dieses Unvermögen hinderte ihn nicht daran, die Technik zu nutzen mit kontrolliertem Ehrgeiz und darauf bedacht, unterhalb der Grenze zum Sinnlosen zu bleiben.
Texte schreiben, Texte und Karikaturen faxen, das erleichterte kleine Aufgaben des Berufs und der Privatkorrespondenz. Er war aber kein Gesprächspartner für einen Webmaster. Die Gestaltung einer Homepage überstieg seine Möglichkeiten weit. Ein Spaß? Dein Zuhause im Internet. Die Ansprache ins Web bleibt stumm, das Bild im Web verschluckt. Stümper. Dr. Jasper Jona Zalp kokettierte vor dem schwarzen Spiegel mit seiner Unfähigkeit. Außerhalb. Für die innere Landschaft des Projekts waren Faxen dieser Art nutzlos.
Er erlaubte sich weitere Spielereien. Seit einem Monat besaß er ein Handy, geleast für zwei Jahre. Er machte sich selbst zu einer Unperson. Lächerliche, unnütze, ärgerliche und störende Bilder: Der hornbebrillte blonde Typ am BMW-Lenkrad, der Angeber mit deplatzierter Bürodiskretion laut im Zugabteil. Jasper griff nach dem Handy in der weißgrauen Jackentasche, stellte es auf Betrieb, tippte die PIN ein, 1–9–3–4, wählte 051102061958, drückte das kleine Gerät, leichter als sein Rasierapparat, an das rechte Ohr und schritt lachend durch die überfüllte Vorhalle des Messebahnhofs. Er sprach laut, absichtlich rücksichtslos und gestikulierte mit der freien Hand. Klara, ich gehe hier durch eine wimmelnde Menschenmenge und spreche ins Handy und keiner sieht hin. Ich gucke mir nur selbst zu.
Auch auf das Handydisplay lässt sich das Internet rufen. Winzige Symbole blinken und wollen zeigen, wie die Wellen von der Erdkugel zum Satelliten und wieder zurück strahlen, fast ohne Zeitverbrauch. Jasper stellte sich für einen Moment vor, die Funkwellen aller Menschen würden plötzlich real aufleuchten als farbige Strahlen durch Straßen und Gebäude ins Weltall und zurück.
Wofür ein Handy? Ist gut bei Autostau. Er fährt kaum Auto. Wenn es ernst wird, bei einem Flugzeugcrash zum Beispiel, dann nützt es wenig. Im Krimi braucht man Handys. Doch Jasper wusste: Auch über dieses Spielzeug gelingen keine Verbindungen zu der Bühne, die zu betreten er sich fürchtete. Der Schauplatz des Projekts bleibt unbeeindruckt fragwürdig, mit oder ohne Homepage, mit oder ohne Handy.
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