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O weh! Montage! Eindrücke vom Zilpzalp

von Kansbar Wyderle 18 Mai 2010 No Comment
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O weh! Montage! Eindrücke vom Zilpzalp

Die geneigte Leserin hat einen Roman gelesen. Einen biografischen, historischen, philosophischen, einen Schlüssel-, Reise- und Abenteuerroman, einen Liebesroman auch und teilweise einen Briefroman, eine Familiensaga.
Alles auf einmal.
Das war der Zilpzalp. Natürlich.

Ich erlaube mir, ganz frische Leseeindrücke zu schildern. Zuerst, noch beim Frühstück, angefangen
zu blättern. O weh! Montage! Wer ist jetzt wer und wo sind wir gerade? Das erfordert wohl erhöhte
Aufmerksamkeit, also erst am Nachmittag weiterlesen.
Aber dann: Keine zwanzig Seiten, und es entstand aus kleinen Quellen und Zuflüssen ein Lesefluss.
Kein kanalisierter, ein natürlicher, mit Mäandern, Prall- und Gleithängen, Untiefen, verschilften
Ufern, das wohl, aber ein richtiger Lesefluss! Dem musste gefolgt werden bis zum Unterlauf. Jetzt
ist es soweit, aber fertig bin ich mit dem Roman beileibe noch nicht. Er muss sich darauf gefasst
machen, wieder (und wieder?) zur Hand genommen zu werden. Aber erst den zweiten Teil, bitte zu
den Sommerferien! Ich ahne nicht, wie es mit diesem Jasper weitergeht, aber eins weiß ich:
Ein „So lebte erhin“ wird es nicht geben, auch nicht am Ende des dritten Teils.
Ich habe mich irritieren lassen, belehren, einbinden in Situationen und Verflechtungen, ich habe
mich erinnert und habe viele Anknüpfungspunkte gefunden für eigene Eindrücke, Erinnerungen
(die Kendo-Kämpfer, die auch bei uns hängen, das Kochen der ägyptischen Linsensuppe, Arbeit im
Garten und beim Heu ) in einer ansonsten so fremden und fernen Welt.

Zilpzalp verzählt im Weidenlaub
Kansbar Wyderle

Zilpzalp im Weidenlaub I - Ein Lebensroman

Ein unglaublicher Lebensroman von Kansbar Wyderle. 70 Jahre eines bewegten Lebens. Teils poetisch, philosophisch, berichtend, analysierend und äußerst informativ geschrieben.
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Und dann: 2003 war ich mit meinem Deutsch-Kurs in Danzig, auch in Stuffhof. Dort habe ich
wenig von dem verstanden, was der polnische Student uns erzählte. Mein Vorwissen war gering, die
Bilder zu vereinnahmend, ich konnte auch gar nicht konzentriert zuhören. Nun musste ich im
Roman einige Seiten zweimal lesen. Ich bin froh über das Dazugelernte. Und wie wenig wusste ich
überhaupt über die Geschichte des Baltikums…
Die Frage, was ist Fiktion, was Dokumentation, die stellte sich irgendwann im Laufe der Lektüre
gar nicht mehr. Was ist das auch schließlich, was wir uns „ausdenken“? Es war doch in uns, kam
von irgendwo, ist doch oft ein Surrogat aus Realem. Das und der sich einstellende Lesefluss
sprechen für den Roman. Er muss sehr gut konstruiert sein, ohne dass ich sagen könnte, wie
eigentlich. Nur gut, dass ich nichts davon didaktisch und methodisch umsetzen muss…
Interessant finde ich die Familienähnlichkeit zwischen dem Autor, dem Erzähler und dem
Protagonisten. Den Autor lassen wir mal weg, der ist wohl ein bisschen verschämt…
Der Erzähler scheint mir ein skeptischer Wahrheitssucher, darauf bedacht, niemandem Unrecht zu
tun und nichts schönzureden, einer, der ganz leisen Tönen lauscht, der nicht hineinredet, mit aller
Achtsamkeit begleitet, allenfalls, der wortmächtig ist, ohne geschwätzig zu sein.
Und dieser Jasper! Man möchte den Jungen drücken, man möchte ihn schütteln, man möchte ihm
manchmal sagen: Entspann dich! Wenn dieser Primaner, stell ich mir jetzt vor, in den Sechzigern
am Gymnasium gewesen wäre, die Mädchen sich auf dem Pausenhof nach ihm umgeschaut und
geflüstert hätten, dann hätte ich (vielleicht eine Sechzehnjährige) gesagt: Interessiert mich nicht,
dieser arrogante Bildungsbürger! Das wäre eventuell eine Schutzbehauptung gewesen, aber gesagt
hätte ich es! Jasper ist kein Frauenversteher, eher einer, der dabei ist, Menschenversteher zu werden,
glaube ich.
Und ein ganz bescheidener und liebenswürdiger Junge. Tiefe Verzeiflung, heiliger Zorn und lang
anhaltende Schwärmerei passen nicht zu ihm, aber Erlebnisfähigkeit und Redlichkeit. Da sind wir
schon fast wieder beim Erzähler. „Die Erinnerung…vollbringt beharrlich das Wunder, einen Frieden
mit der Vergangenheit zu schließen, in dem sich jeder Groll verflüchtigt und der weiche Schleier der
Nostalgie über alles legt, was mal scharf und schreiend empfunden wurde.“ Das ist von Thomas
Brussig, und ich habe es bisher für zutreffend gehalten. Bisher. Kansbar Wyderle jedenfalls geht
doch anders mit der Erinnerung um.

Monika Thömen [hier klicken]

Leseprobe: Ein Zilpzalp im Weidenlaub
Zum Autor: Kansbar Wyderle
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