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Mein erster Roller

von Michael Gaertner 9 September 2009 2 Comments
abgelegt unter: Kurzgeschichten
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Mein erster Roller

Unser Haus war eines der schönsten in der Straße. Und es war eine breite und lange Straße. Ziemlich genau einen Kilometer lang. Die Landwehr, so hieß sie (und so heißt sie noch heute), verlief nahe der Grenze zur benachbarten, etwas kleineren Großstadt; über die gesamte Länge wurde sie beiderseits gesäumt von alten und deshalb sehr großen Akazienbäumen. Unserem Haus gegenüber stand ein besonders schön gewachsenes, majestätisches Exemplar. Von meinem Zimmer im ersten Stock blickte ich auf den Kronenfuß, von dem aus ich häufig die Äste und Zweige bis zur letzten Spitze in der Baumkrone verfolgte. So wie ich stets interessiert die Saatkrähen beobachtete, die sich „meine“ Akazie als Heimstatt für ihre jährlich größer werdende Sippe ausgesucht hatten. Meine Akazie war für die großen Rabenvögel Wohn- und Schlafzimmer, von hier aus starteten sie beim ersten Sonnenstrahl zur Futtersuche und hierher kamen sie bei Anbruch der Dämmerung für ihr abendliches Palaver und zum Schlafen zurück.

Ich mochte die Vögel sehr, obwohl mich der Lärm, den sie häufig schon in den frühen Morgenstunden wie auch in der Dämmerung verursachten, Tag für Tag einiges an Schlaf kostete. Wenn ich von ihrem Geschrei geweckt wurde, stand ich auf, rückte eine kleine Fußbank, die es mir sonst erlaubte, meine in einem großen Wandschrank verwahrten Spielsachen zu erreichen, an das Fenster, stützte meinen Kopf in beide Hände und hörte und sah den Krähen bei ihrer Unterhaltung zu. Meine Ellenbogen ruhten dabei auf der Fensterbank. Das war praktisch. Man hielt es lange aus. Genauso machte es auch meine Großmutter. Sie wohnte mitten in der Stadt. Ein Erker in ihrem Wohnzimmer ging hinaus auf die Marktstraße, eine achthundert Meter lange Fußgängerzone. Omi konnte von ihrem Platz im Erker aus alle Passanten beobachten. Und wenn es die Großen so machten …

Ich war inzwischen auch groß geworden. Mein Vater hatte es letztens noch gesagt. Vor Besuch! Aber ich hatte den Eindruck erweckt, das nicht gehört zu haben. Wie immer, wenn etwas nach Lob klang. Und dass ich ein großer Junge war, klang eindeutig nach Lob. Starkem Lob. Und damit ging man in unserer Familie immer sehr, sehr sparsam um.

Es war Frühling. Mai. Und im nächsten Frühjahr kamen Hiamäus und ich in die Schule. Hiamäus war meine Freundin. Ein Nachbarsmädchen. Eigentlich hieß sie Hildegard. Doch als ich klein war, konnte ich das nicht richtig aussprechen. Und als ich‘s dann konnte, wollte ich nicht mehr. Hiamäus war etwas Besonderes geworden. Nur ich nannte sie so. Und nur ich durfte sie Hiamäus nennen.

Die Schule hatten wir schon gemeinsam angeschaut. Hiamäus, ihre Mutter und ich. Meine Eltern hatten keine Zeit. Wie so oft. Wie meist. Weil Vater sechs Tage in der Woche frühmorgens um sechs Uhr in Großvaters Lederfabrik fuhr und selten zurück war, bevor ich ins Bett musste. Und weil Mutter ebenfalls zehn Stunden täglich unterwegs war. Und unser Hausmädchen war für Schulbesichtigungen wohl nicht zuständig …

Meine zukünftige Schule war riesengroß. Zweigeschossig, u-förmig und an der offenen Seite durch eine wohl fast zwei Meter hohe Mauer restlos eingegrenzt. Gelber Klinker. Baujahr 1954. Gerade eingeweiht, denn im April waren die ersten I-Lämpchen eingezogen. Eine katholische Grundschule. Der Schulhof asphaltiert, der Asphalt nur an wenigen Stellen aufgebrochen, um schnell wachsenden Bäumen zu erlauben, möglichst bald in den Himmel zu kommen. Überwiegend Birken, ansonsten Pappeln. Nicht eine einzige Akazie! Parallel zu den Seitentrakten verlief mitten durch den Schulhof eine unüberwindbare Grenze. Ein zwei Meter hoher, engmaschiger Zaun. Er teilte die Geschlechter-Zonen. Doch das sollte mir erst viel später bewusst werden.

Ich freute mich auf die Schule. Da hatte man von montags bis samstags was vor. Jeden Vormittag. Schreiben würde man lernen, das wußte ich. Und Lesen. Aber das konnte ich ja schon. Jedenfalls fast. Den Struwwelpeter kannte ich auswendig. Und wenn meine Mutter ihren zahlreichen Geschwistern, deren Männern oder sonstigen Besuchern demonstrieren wollte, wie gut ich schon lesen konnte, dann holte sie den „Struwwelpeter“ und forderte unsere Gäste auf, ihn an einer beliebigen Stelle aufzuschlagen. Sogleich begann ich mit der Vorlesung, wobei der Zeigefinger meiner rechten Hand exakt den Reimen folgte, die ich gerade aus dem Gedächtnis zitierte. Das Ergebnis war stets ein voller Erfolg. Meine Mutter war stolz, Tanten, Onkel und sonstige Besucher lobten mich in den höchsten Tönen („isser nich süß“ oder „so ein aufgeweckter kleiner Kerl“) und strichen mir dabei über den Kopf oder tätschelten meine Wangen. Ich hasste es. Und ich hasse es bis heute, wenn mir jemand über den Kopf streichen will.

Eine dieser frühen „Vorlesungen“, das ist mir besonders gut im Gedächtnis geblieben, hatte zur Folge, dass eine Freundin meiner Mutter mir eröffnete, ich hätte nun einen Wunsch frei. „So schön hast du das gemacht, Junge“. Und – zu meiner Mutter gewandt „auch wie er alles betont.“ Sie fasste mich mit beiden Händen bei den Schultern und sagte: „Was wünschst du dir, Kind?“

Mit Lob konnte ich, wie gesagt, schlecht umgehen. Das Blut schoß mir in den Kopf. Ich wurde verlegen, senkte den Blick, starrte auf die Fußspitzen der Freundin meiner Mutter und hätte wohl noch eine Ewigkeit in dieser Haltung verharrt, wäre da nicht Hiamäus gewesen. Sie sagte nämlich: „Einen Roller! Er wünscht sich einen Roller! So einen wie meinen.“

Zu meiner Verlegenheit gesellte sich jetzt auch noch Sprachlosigkeit. Woher wußte Hiamäus das? Ja, das war mein größter Wunsch! Aber ich hatte ihr das nie gesagt. Nur meiner Mutter hatte ich es anvertraut. Doch sie hatte es wohl vergessen. Zu viel Arbeit. Sie war ja so beschäftigt. Und trotzdem. Wie konnte Hiamäus so etwas sagen. Roller bekam man, wenn überhaupt, zu Weihnachten, doch das war noch lange hin; aber nicht, weil man mit fünf Jahren lesen kann und so schön betont …

Das sah Mutters Freundin offenbar ganz anders. Sie ging mit Hiamäus hinaus und schaute sich wohl ihren Roller an. Einige Tage später jedenfalls besuchte sie uns erneut und als ich in die Diele kam, stand er da. Genau wie der von Hiamäus. Nur blau statt rot. Nagelneu. Das Trittbrett aus schwarzem, geriffeltem Gummi. Große Ballonreifen, weiß. Sogar ein Katzenauge am hinteren Schutzblech, das ganz sicher nicht zur Standardausrüstung gehörte. Jedenfalls hatte Hiamäus das nicht. Und eine große – größere! – Schelle am chromblitzenden Lenker. Ich war fassungslos. Schon wieder stieg mir das Blut in den Kopf. Etwas so Wunderschönes hatte ich noch nie besessen. Zweifellos war dieser Roller noch viel wertvoller als der „Stabilbaukasten“, den ich zum letzten Weihnachtsfest von meinen Eltern bekommen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen, ließ sie aber nicht zu. Wollte sie nicht zulassen, durfte Tränen nicht zulassen. Denn von frühester Kindheit an hatte man mir eingeschärft: „Jungen weinen nicht!“ Also rannte ich erst einmal in mein Zimmer und versuchte, meine Fassung zurück zu gewinnen.

Nach einer Weile kam Mutter. Sie fragte mich, ob ich mich denn schon bedankt hätte. Hatte ich natürlich nicht, wie sie genau wusste. Deshalb sagte sie: „Also, Junge, geh jetzt ins Wohnzimmer und bedank´ dich schön. Gib ihr die Hand. Und mach einen Diener; einen ordentlichen, verstanden!?“

Ich ging. Ich gab ihr die Hand, und ich machte einen Diener; und der fiel so ordentlich aus wie kein Diener zuvor. Bei der Verbeugung, tiefer und vollendeter denn je, blickte ich unter einem Arm hindurch auf meinen Roller, der in der Diele stand; jenseits der geöffneten Wohnzimmertür. Und als ich mich dann wieder aufrichtete, verriet mein fragender Blick wohl Mutter wie Freundin, was ich nun gerne täte.

Mutter, die zugleich einen Blick auf die Uhr warf, lächelte nachsichtig. Die Erlaubnis gab jedoch ihre Freundin. „Probier ihn aus“, sagte sie und Mutter nickte.

Wie kurz doch ein Kilometer ist. Kaum hatte ich mich vor der Eingangstür zum ersten Mal abgestoßen, war ich schon am Ende der Straße. Und im nächsten Moment wieder vor unserem Haus. Dann bald wieder am Ende der Straße. Und schon wieder vor unserem Haus. Bald wieder … Mit einem solchen Roller, das war mir schnell bewusst, lag einem die Welt zu Füßen.


Michael Gärtner

Hypokrates: Wenn die Gier zum Verhängnis wird

14 Tage im „Leben“ eines Versicherungs- und Finanzkonzerns. Wenn Gier nach Geld, Macht und Anerkennung sich zu einem perfiden Gerüst aufbaut, das mit Betrug, Veruntreuung und sogar Mord Richtfest feiert.
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Ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Landwehr hinauf und hinunter gerollert war, als ich auf einen Zug von Feuerwehrfahrzeugen aufmerksam wurde. Zuerst glaubte ich nur, die Sirenen der Kolonne zu hören. Dann war ich sicher. Im nächsten Moment sah ich sie. Das Führungsfahrzeug war ein roter VW-Käfer, ihm folgten drei Magirus-Deutz Kastenwagen. Sie bogen in unsere Straße ein und fuhren in Richtung unseres Hauses. Mich hielt nichts. Ich rollerte hinterher. Vorbei an unserem Haus, vorbei an Hiamäus, vorbei an dem Platz, auf dem mannshohe Röhren lagerten und auf dem wir immer spielten, bis zu dem Bahndamm, der unsere Straße begrenzte. Dort hielten die Feuerwehrautos. Ich sah, während ich auf sie zurollte, wie zwei Dutzend Männer mit weißen Helmen begannen, die Löschschläuche auszurollen und anzuschließen. Ich sah lodernde Flammen und Qualm. Und ich roch das Feuer. Als ich, völlig ausgepumpt, ankam, waren die Feuerwehrmänner dabei, aus mehreren Schläuchen Wasserfontänen auf ein altes Bergmannshäuschen zu richten; ein in eine kleine Mulde vor dem Bahndamm geducktes Einfamilienhaus mit angebautem hölzernen Stall und Plumpsklo. Gleichzeitig bemerkte ich, wie sie einen kleinen, alten, hageren Mann, der ganz offensichtlich in das Haus laufen wollte, umklammerten. Mir war sofort klar, sie wollten ihn daran hindern, in das brennende Inferno zu laufen. Der Mann weinte. Er weinte bitterlich und sein klappriger Körper bebte.

Noch niemals hatte ich einen Mann weinen sehen. Das erschütterte und faszinierte mich mehr als das – trotz der vielen Wasserfontänen – lichterloh brennende Haus. Und während die Blicke der Feuerwehrmänner und der wenigen herbeigeeilten Nachbarn auf das mehr und mehr in sich zusammenfallende Haus gerichtet waren, schaute ich wie gebannt auf den zähen kleinen Mann, der von Weinkrämpfen geschüttelt wurde und der zugleich mit drei Feuerwehrleuten rang. Heftig rang. Sich fast schon mit ihnen prügelte. Und dann geschah etwas Ungeheures. Die Feuerwehrmänner flogen – fast gleichzeitig und meterweit – auf das Gelände. Der kleine, alte Mann hatte sie mit einer einzigen kraftvollen Bewegung weggeschleudert. Weggeschleudert wie lästige Fliegen! Und er hüpfte – jedenfalls kam es mir in diesem Augenblick so vor – wie ein einbeiniges Känguru mit großen Sätzen in den Qualm und hinein in das lichterloh brennende Haus, ohne auch nur eine einzige Sekunde zu zögern. Die Feuerwehrleute, die sich sofort aufgerappelt und ihn verfolgt hatten, waren chancenlos. Sechs Beine gegen eines. Ich hatte, als die Männer mit dem zähen Alten rangen, nicht gesehen, dass sein rechtes Bein nur noch ein Stumpf war, dass der Oberschenkel zwei Handbreit unter der Hüfte endete. Ich sah aber, dass die drei Männer jetzt zu ihren Kollegen zurückkehrten und ihnen bedeuteten, sie hätten dem Alten nicht folgen können. Zu gefährlich. Einsturzgefahr. Und tatsächlich: Ächzend und stöhnend gab ein Teil des Dachstuhls nach, stürzte und brandete herunter. Funken sprühten hundert Meter weit, Fenster barsten und Glas splitterte. Der Qualm wurde noch dichter, der Geruch noch beißender, die Luft noch heißer und flirrender.

Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war. Jedenfalls wurde irgendwann das Ächzen des Gebälks, das Rauschen des Wassers aus mehreren Hochdruck-Schläuchen, das Fauchen des Feuers, wurden auch die Rufe der Feuerwehrleute, die sich Informationen zuschrien, übertönt vom Gemecker einer Ziege. Das Tier schrie so herzzerreißend, dass mir Angstschauer über den Körper liefen. Die Schreie wurden lauter und lauter. Und plötzlich …

… erst nur vage Bewegungen ahnend, bald schemenhaft und dann mit jedem seiner Sprünge deutlicher, sah ich ihn. Den Alten. Er war schwarz wie ein Schornsteinfeger. Und dennoch erkannte man riesige rosarote Blasen auf seiner Haut. Der Mann hüpfte, jetzt langsamer als zuvor, aber nicht weniger kraftvoll, auf seinem linken Bein aus der Qualmwolke heraus. In seinen Armen eine Ziege. In sicherer Entfernung legte er das Tier behutsam auf den Boden. Dann brach er vor Erschöpfung zusammen. Beide Arme um den Hals des Tieres gelegt, bekam er erneut einen Weinkrampf. Noch bevor Sanitäter kamen, ihn tastend untersuchten und schließlich in Spezialfolie und hernach in eine Decke hüllten, sah ich in sein Gesicht. Ein Gesicht, das ich nie mehr vergessen werde; in meinem ganzen Leben nicht! Kein Pantomime wird je die Fertigkeit erreichen, all das zu vermitteln, was das Antlitz dieses Menschen ausdrückte und was mich bis heute, wann immer ich daran denke, im Innersten berührt. Da las ich Angst und Glück, Kummer und Zuversicht, die Geschundenheit eines langen, entbehrungsreichen Lebens und zugleich schon wieder keimende Hoffnung, Mut und Kraft, den Weg bis zum Ende zu gehen. Den alten, zähen, starken, kleinen Mann schüttelten Weinkrämpfe. Doch auch für einen Fünfjährigen wurde der Unterschied zu den Tränen zuvor deutlich. Dies waren Tränen der Freude. Das Feuer hatte ihm alles genommen, doch was ihm das Liebste war, das hatte er retten können.

Ohne meinen Roller hätte ich den Feuerwehrwagen nicht folgen können. Ohne meinen Roller hätte ich nicht erfahren – jedenfalls nicht so früh, so rechtzeitig, erfahren – , dass Männer weinen können. Ohne meinen Roller hätte ich vielleicht nie erfahren, dass es auch kleine Riesen gibt …

Ohne meinen Roller …; auf dem Weg nach Hause schob ich ihn. Ich hatte kein Taschentuch dabei und musste mir mit meinem Pullover ständig die Tränen aus dem Gesicht wischen. Vor unserem Haus stand Hiamäus. Sie wusste nicht, was passiert war. Sie sah mich, wie sie mich noch nie gesehen hatte. Und sie nahm mich in den Arm, wie sie mich noch nie in den Arm genommen hatte. Unsere Gesichter waren nass, die Saugfähigkeit meines Pullovers erschöpft und … die Schule hatte gerade begonnen.


Michael Gärtner

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2 Kommentare »

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  • Michael Gärtner, der Geheimtipp für die Finanzkrise | vive!verlag said:

    [...] von Michael Gärtner. Bis dato ein definitiver Geheimtip. Genau wie seine Kurzgeschichten [mein erster Roller] und sein Kriminalroman, ist auch die Entwicklung des Buches auf dem Markt. Anfänglich kommt es [...]

  • Klaus said:

    “Mein erster Roller”, ja diese Geschichte ist biographisch. Sehr detaliert erzählt. Die Tränen kommen auch beim lesen. Sehr emotional. Ich hatte auch einen solchen Roller…….